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Bönnigheim 1200 Jahre?

Bemerkungen zur Geschichte unserer Stadt beim Festempfang am 16.1.1993 von Dieter Gerlinger, Stadtarchivar

Bemerkungen zur Geschichte unserer Stadt beim Festempfang am 16.1.1993 von Dieter Gerlinger, Stadtarchivar

 

Sehr geehrte Gäste, liebe Bönnigheimer Mitbürger,

 

lassen Sie mich den Betrachtungen zur Geschichte unserer Stadt einen Satz von Jakob Burckhardt voranstellen, den ich für uns alle bedenkenswert halte:

Wie kommen wir uns oft so wichtig vor, und sind doch nur winzige Rädchen im Lauf der Jahrtausende.

 

Wie würden die altsteinzeitlichen Jäger grinsen, wenn sie uns heute hier in der Festhalle sehen könnten, wie wir das Festjahr " 1200 Jahre Bönnigheim " einläuten. Vor 250 000 Jahren schon haben sie auf unserer Markung erfolgreich gejagt.

 

Mit dem Jahr 793 n.. Chr. beginnt die schriftlich überlieferte Geschichte unseres so liebenswerten Städtchens Bönnigheim, gelebt haben hier aber schon sehr lange vor diesem Datum Hunderte von Generationen, viele davon von dem bis zum heutigen Tage gesegneten, fruchtbaren Boden. Doch immer wieder auch Generationen, die glauben mußten, der Welt Ende sei gekommen.

Katastrophale Klimaveränderungen entzogen den Jägern der Altsteinzeit ihre Nahrungsgrundlage, die jagdbaren Tiere. In den folgenden Jahrzehntausenden kamen drei Kaltzeiten über das Land, Fauna und Flora haben sich völlig verändert. Wie es den Menschen erging, wissen wir bis heute, nicht.

 

Erst 246 000 Jahre nach den Altsteinzeitjägern finden wir wieder gesicherte Spuren von Bewohnern unserer Markung. Neue Völker waren aus dem Osten eingewandert. Völker, die Ackerbau und Viehzucht mitbrachten, die Holzhäuser bauten, die die Töpferkunst beherrschten, die Freude an "unnützen", aber schönen Verzierungen ihrer Tongefäße hatten. Welch gewaltiger kultureller Fortschritt: seßhafte Ackerbauern statt nomadisierender Jäger.

 

Fast 3000 Jahre lang lebten und arbeiteten diese Menschen auf unserer Flur, dann kamen die Kelten! Die wußten aus Erzen Metalle zu gewinnen und schmiedeten daraus Waffen und Werkzeug. Werkzeuge aus Bronze und Eisen, wieder ein gigantischer Fortschritt. Daß dadurch auch die Waffen verbessert wurden und damit erheblich wirkungsvoller geworden sind, ist die andere Seite des Fortschritts. Bis heute, 2 1/2 Tausend Jahre später, ist es so geblieben.

Wie ist es wohl den Ackerbürgern, die hier gewohnt haben, ergangen, als die Kelten kamen? Schlug man sie einfach tot, wurden sie Sklaven der neuen Herren? - Für sie war die Endzeit gekommen, doch es wurde besser.

 

Die neuen Werkzeuge aus Metall erleichterten das Geschäft in Feld und Haus, der Ertrag der Arbeit erhöhte sich beträchtlich. Doch im gleichen Maß stieg auch der Tribut an die Fürsten, die auf dem Hohenasperg sehr luxuriös in Saus und Braus lebten und starben, derweil die Bauern auf der Bönnigheimer Markung sich abrackerten, um mit ihrer Familie den nächsten Winter zu überleben. An diesem harten Los hat sich Jahrhunderte hindurch, bis zur Bauernbefreiung Mitte des letzten Jahrhunderts, nichts geändert.

 

Ab 84 n. Chr. war unsere Markung Teil des römischen Weltreichs in der Provinz Obergermanien. Wieder beherrschten neue Herren das Land. Die römische Militärverwaltung verteilte die eroberten Äcker und Wiesen an verdiente Soldaten. Diese bauten sich prächtige Villen mit Fußbodenheizung und Bädern, brachten aber auch die Feldbestellung auf Trab, die Armee brauchte Brot. Die Einheimischen wurden Sklaven. Doch aus der Not, die unsere Altvorderen bedrückt hat, entstand eine Agrikultur, von der wir Heutigen noch profitieren: Die Römer brachten den Weinbau zu uns, der auch heute noch, nach bald 2000 Jahren, jedem Bönnigheimer das Herz höher schlagen läßt. Wer von uns, meine Damen und Herren, kann sich einen Festtag ohne Bönnigheimer Wein vorstellen?

Fast 250 Jahre lang waren die Römer unsere Herren, bis dann die wilden Alemannen, gemessen an den Römern primitive Barbaren, den Limes überrannten und das Land in Besitz nahmen. Die Alemannen siedelten in dem eroberten Gebiet sippenweise. Die Siedlungen bekamen den Namen des Sippenhäuptlings. Bunningen, die Siedlung der Sippe des Buno, entstand.

 

300 Jahre lang schafften zehn Generationen Alemannen auf der Bunninger Flur, bis um das Jahr 600 von Norden her die Franken das Land eroberten. Aus den alten alemannischen Ortsnamen auf die Endung -ingen wurden neue: Aus Bunningen wurde Bunningheim, aus Erlingen Erligheim und aus Gemmeringen Gemmrigheim. Und nicht nur im Ortsnamen wurde die Herrschaft der Franken deutlich, auch in der Sprache. Der Bönnigheimer Dialekt ist bis zum heutigen Tag ein Gemisch aus schwäbisch = alemannisch und fränkisch.

Statt dem Stammeshäuptling regierte nun im Dorf der Vogt oder Meier des adligen Großgrundbesitzers. Mit Feuer und Schwert wurden die Untertanen aus Heiden zu Christen gemacht. Die christliche Kirche verstand es sehr geschickt, die adeligen Grundbesitzer davon zu überzeugen, daß sie ihr Seelenheil sichern könnten durch die Stiftung von Klöstern, die Schenkung von Äckern, Weinbergen, ja ganzer Dörfer samt Untertanen. Diesem Vorgehen der christlichen Kirche verdanken wir unser Festjahr 1993.

 

Am 16.Februar 793 schenkt die Nonne Hiltburg, wohl eine Magenheimerin, unter anderem das Dorf Punninchheim mit allem, was dazu gehört, dem mächtigen Reichskloster Lorsch an der Bergstraße. Mit diesem Datum beginnt,wie schon erwähnt, die schriftliche Überlieferung der Geschichte unserer Stadt.

Seitdem sind 1200 Jahre vergangen. 40 Generationen haben in dieser Zeit Bönnigheimer Geschichte erlebt.

 

Sie erlebten, wie der Ortsadel der Herren von Bönnigheim entstand. Auch diese sorgten für ihr Seelenheil durch Schenkung von reichem Grundbesitz an das Kloster Hirsau. Die Burg und das Steinhaus wurden gebaut, die Stadt wurde gegründet und planmäßig angelegt. Da die Hirsauer Mönche zuviele Schulden bei den Juden gemacht hatten, mußten sie ihren Bönnigheimer Besitz an das Kloster Bebenhausen verkaufen. Dieses lieh der Stadt Geld für den Bau der Stadtmauer, das war 1284. Damals war Bönnigheim im Besitz der Habsburger, war einige Jahre freie Reichsstadt, bis es dann wieder dem Erzbistum Mainz, dem Rechtsnachfolger des Klosters Lorsch gehörte. Für die nächsten 500 Jahre blieb es dabei.

 

Unter der Oberlehensherrschaft von Mainz entstand Ende des 14. Jahrhunderts das Ganerbiat, das fast 400 Jahre lang Bestand hatte. Im Burgfrieden von 1388 werden Rechte und Pflichten der adeligen Ganerben und der Bürger festgeschrieben. Des Öfteren mußte die Stadtordnung durch neue Paragraphen ergänzt werden. Die schlitzohrigen Bönnigheimer fanden immer wieder Mittel und Wege,zu ihrem eigenen Vorteil die Obrigkeit über's Ohr zu hauen. Die ritterlichen Ganerben holten aus den Bürgern heraus was zu holen war, bis die Last zu groß wurde. Am 19. April 1525 zündeten die Bauern und Wengerter die Burg an. Rädelsführer war der Pächter des Maierhofs, der größte Bauer im Städtle. Der Bauernkrieg fand bekanntlich ein blutiges Ende. Die Unterdrückung wurde stärker als vorher. Die Burg wurde auf Kosten und mit Frohnarbeit der Bürger wieder aufgebaut. Im Herbst des gleichen Jahres müssen alle Bönnigheimer den evangelischen Glauben annehmen, eine neue, scharfe Stadtordnung tritt in Kraft.

Mancher aufrechte Bönnigheimer Bürger mag am Ende dieses Jahres 1525 gedacht haben, der Untergang sei nahe. Doch es kam besser!

 

In den nächsten 100 Jahren ging es stetig aufwärts, neue Häuser und ein neues Rathaus wurden gebaut, die Bürger kamen zu einem bescheidenen Wohlstand.

Doch der 30jährige Krieg machte alles zunichte. 1626 wütete die Pest in der Stadt, 40% der Einwohner fielen ihr zum Opfer. Einquartierungen und Kontributionszahlungen wurden immer schlimmer. Nach der Schlacht bei Nördlingen 1634 wurde die Lage verheerend. Felder und Weinberge wurden verwüstet, die Stadt war überfüllt mit Flüchtlingen aus der ganzen Umgegend. 1635 brach die Pest erneut aus und forderte 1049 Opfer, mehr als die Stadt Einwohner hatte. Wieder einmal war das Ende gekommen, doch es ging weiter und es wurde besser.

 

Bönnigheim war trotz allem glimpflich davongekommen als evangelische Stadt in katholischem, Mainzer Besitz. Aus der übervölkerten Schweiz und aus Tirol kamen nach dem Krieg Zuwanderer, die die brachliegenden Äcker und Weinberge unter den Pflug nahmen. Handwerker zogen zu, so daß 1701, gute 50 Jahre nach dem Krieg, zwei Drittel der Bürger ein Handwerk oder Handel betrieben, 2 italienische Handelsmänner waren auch schon dabei. Die Stadt hatte wieder knapp 1000 Einwohner.

 

1750 war die Zeit des Ganerbiats zu Ende. Bönnigheim kam als Lehen des Erzbistums Mainz an die Grafen von Stadion. Am Marktplatz enststanden wieder einmal neue Häuser und ein modernes Rathaus. Als der Herr Graf geruhten, sich ein neues Schloß zu bauen, erhöhte er die Beet - heute etwa die Grund- und Vermögenssteuer - um das Sechsfache, so einfach war das damals. Württemberg, das 61 Jahre lang 7/16 der Herrschaft Bönnigheim als Ganerbe inne hatte und sie gerne ganz in Besitz genommen hätte, ging leer aus und erklärte die Herrschaft Bönnigheim zum Ausland, was ja rechtens gewesen ist. Der blühende Weinhandel kam zum Erliegen. Erst nach Bezahlung von 3300 Gulden, das entsprach 10 000 Taglöhnen eines Handwerkers, wurde er wieder erlaubt. Auch diesen hohen Betrag bezahlten die Bürger durch eine Extraordinaristeuer, seine Exzellenz der Herr Graf keinen Kreuzer. Doch trotz alledem war die Stadion'sche Herrschaft für unsere Stadt eine gute Zeit.

 

1785 hatte es Württemberg dann endlich geschafft, die Herrschaft Bönnigheim für die enorme Summe von 463 000 Gulden in Besitz zu nehmen. Am 4. Mai kam Herzog Karl Eugen höchstpersönlich mit Franziska von Hohenheim für ein paar Stunden in unsere Mauern, um sich huldigen zu lassen. Bis zum nächsten Besuch eines Landesvaters im Städtle vergingen dann fast 200 Jahre, Späth kam er, aber er kam oft. Doch auch das ist schon wieder Geschichte.

 

Im 19. Jahrhundert wanderten viele Bönnigheimer nach Amerika aus. Die Bevölkerung war, wie überall im Land, stark angewachsen. Äcker und Weinberge wurden durch die Erbteilung immer schmäler, die Familien konnten nicht mehr davon leben. Unter den Dagebliebenen breitete sich stark der Pietismus aus, für viele ein Rettungsanker in großer Not. So kam es auch, daß Bönnigheimer als Missionare in Grönland, Nord- und Südamerika, Afrika, Indien und in der Südsee tätig wurden.

 

1854 begann in Bönnigheim das Industriezeitalter. Die Firma Amann und Böhringer brachte Arbeitsplätze in die Stadt. Mit dem Lohngeld aus der Fabrik und der Landwirtschaft im Nebenerwerb war das Überleben gesichert, eine neue, bessere Zeit brach an.

 

Nach dem 70er Krieg, nahm die Wirtschaft enormen Aufschwung. Trinkwasser, Gas und elektrisches Licht kamen in die Häuser. Der 1. Weltkrieg und die Inflation machten das Erworbene wieder zunichte. Wohl dem, der Grund und Boden sein eigen nennen konnte.

 

1933 brach das 1000jährige Reich an. Am Anfang von Vielen bejubelt. Doch dann kam die Gleichschaltung, die Vereine wurden in Parteiorganisationen eingegliedert. Man stelle sich das einmal heutzutage vor! Das Rathaus war in der Hand von strammen Nationalsozialisten. Der 2. Weltkrieg endete für Bönnigheim mit der Brandkatastrophe am 7. April 1945. 242 Väter und Söhne bezahlten den Krieg mit ihrem Leben, viele waren vermißt oder in Gefangenschaft in vieler Herren Länder. Die Heimatvertriebenen aus dem Osten kamen. Bönnigheim mußte 818 Personen aufnehmen bei rund 3000 Einwohnern. Wieder einmal schien das Ende gekommen zu sein, und wieder einmal wurde es besser!

 

Mit der Währungsreform,1948, füllten sich auch in Bönnigheim über Nacht wie durch ein Wunder die Schaufenster. Durch gemeinsame, harte Arbeit der Alt- und Neubürger begann ein Wiederaufstieg, den niemand für möglich gehalten hätte. Schulen, Sporthalle, Freibad, Rathaus wurden gebaut, Hohenstein und Hofen ließen sich eingemeinden, neue Stadtviertel und Gewerbegebiete entstanden, die Flur wurde bereinigt, die Altstadt wird saniert, Handel und Gewerbe blühen. Das alte Städtchen ist quicklebendig!

 

Uns heutigen Bönnigheimer Bürgern geht es so gut wie keiner Generation vor uns. Wenn wir uns auch in den nächsten Jahren wohl etwas einschränken müssen, haben wir noch Wohlstand übergenug, zu dem nicht zuletzt auch unsere 15% ausländische Mitbürger beigetragen haben.

 

Bönnigheim wird in den nächsten Jahren in einem Ausmaß wachsen wie nie zuvor in seiner langen Geschichte. Bleibt zu hoffen und zu wünschen, daß es auch für die Generationen, die nach uns kommen, das sein kann, was es uns Gegenwärtigen ist: unser liebenswertes Städtle.