Die Geschichte des Schlosses

„Ein zierliches und beschwingtes Schlösschen, das die Lebendigkeit und Verspieltheit - ganz die Lebenslust und den Geist des ausgehenden Barocks und der Rokokozeit des mittleren 18. Jahrhunderts atmet", so ist das Bönnigheimer, das Stadion'sche Schloss im Heimatbuch "Die wechselvolle Geschichte einer Ganerbenstadt" beschrieben. Ein Schloss, das - so wie es sich darstellt - hier eigentlich gar nicht zu finden sein dürfte. Als Friedrich Albrecht von Liebenstein, Ganerbe und Schlossherr zu Bönnigheim, im Jahr 1659 das Zeitliche segnete und mit ihm die ganze Liebensteiner Linie ausstarb, war das auch für das alte Schlösschen der Anfang vom Ende. Das Lehen der Liebensteiner ging wieder an den Kurfürsten von Mainz zurück. 1727 brauchte Erzbischof und Kurfürst Lothar Franz von Schönborn sehr viel Geld, um sich in Mainz eine neue Residenz zu bauen. Einen großen Teil davon bekam er von seinem Kanzler und Großhofmeister Johann Philipp von Stadion, dem er dafür die Liebensteiner Liegenschaften in Bönnigheim als Pfand überließ. Johann Philipp bestellte einen Verwalter für die Bönnigheimer Besitztümer; er selbst hat das Schloss und die Stadt Bönnigheim wohl nie gesehen. Der Reichsgraf will eine Sommerresidenz Nach seinem Tod erbte der Sohn, Reichsgraf Anton Heinrich Friedrich von Stadion, die Bönnigheimer Besitzungen mitsamt Schloss. Der frühere Gesandte in Kaiserlich-Österreichischem Dienst war zwischenzeitlich - wie vor ihm sein Vater - kurmainzischer Minister. Der nach dem Kurfürsten wichtigste und mächtigste Mann in Mainz brachte bis 1750 auch alle anderen Bönnigheimer Besitzanteile an sich - damit war das Ganerbiat in Bönnigheim beendet. Im Gegensatz zu seinem Vater besuchte Friedrich von Stadion die Stadt und das Schloss recht oft, obwohl Hauptwohnsitz, neben seinem Dienstsitz Mainz, Warthausen (bei Biberach an der Riß) war. Er konnte Mainz zwar nur während der Sommermonate verlassen, nahm sich dennoch immer wieder Zeit für Bönnigheim; hier wollte er sein zweites Domizil errichten. Mit dem über zweihundert Jahre alten Liebensteiner Schloss konnte er allerdings nicht sonderlich viel anfangen. Um 1753 ließ der höfische Welt- und Lebemann Friedrich von Stadion das alte 1560 erbaute Schloss abbrechen (die Nebengebäude, auch der Kavaliersbau, blieben stehen). Seine Sommerresidenz sollte kein "alter Kasten" sein, sondern ein Landschlösschen nach Mainzer und damit französischem Vorbild: Etwas, das Wohlstand und Lebensfreude des Adels nach außen zeigte, eben auch ganz im Geist seiner Zeit - der Aufklärung. So wird nun klar, warum man ausgerechnet in einem Weinstädtchen am Rand des Strombergs ein Barockschloss findet, dessen Stil im Altwürttembergischen kaum verbreitet ist, höchstens in freien Reichsstädten und dort nur selten in dieser filigranen Art.

 

Ritter zu Groenesteyn

Mit dem Neubau wurde Baumeister Anton Haaf beauftragt; so ist es im Heimatbuch und anderen Beschreibungen verzeichnet. Haaf übernahm für Friedrich von Stadion neun Jahre zuvor schon in dessen Warthausener Schloss einige Umbauten. In Bönnigheim hatte er allerdings wohl nur die Funktion des Bauleiters inne. Schon allein, daß er sich dieser Riesenaufgabe überhaupt stellen konnte, verdankte er dem Grafen von Stadion, der ihn auf die Bauakademie nach Wien schickte. Die eigentliche Planung kam mit größter Sicherheit nicht von ihm. Der Architekt dürfte Anselm Franz Reichsfreiherr von Ritter zu Groenesteyn gewesen sein (vgl. Jörg Mann "Das Bönnigheimer Schloß" in: Ganerbenblätter 1990). Die Fassade des Stadion'schen Schlosses in Bönnigheim wird mit dem Bassenheimer und dem Stadioner Hof in Mainz verglichen, die beide aus der künstlerischen Feder Ritter zu Groenesteyns stammen. Der Stadioner Hof wird gar als "großer Bruder des Bönnigheimer Schlosses" bezeichnet. Groenesteyn war schon vom Kurfürsten und Erzbischof Lothar Franz von Schönborn (der Onkel des Friedrich von Stadion) gefördert worden und machte unter dessen Nachfolgern eine steile Karriere (Hofrat, Kämmerer und Oberbaudirektor), zuletzt unter Kurfürst Karl Friedrich von Ostein. Dieser zog Groenesteyn zu allen wichtigen Bauten zu, so dass er im damaligen Mainz - was das Bauen anging - praktisch unersetzlich war. Ritter zu Groenesteyn wurde auch von Osteins Freund und zweitem Mann, dem Bönnigheimer Schlossbesitzer Friedrich von Stadion hoch geschätzt. Kenner sehen auch den früher geglaubten Zusammenhang zwischen dem oberschwäbischen, fränkisch-österreichischen Barock - der Haaf zugeschrieben werden könnte - und dem Bönnigheimer Schloss nicht! Der Bönnigheimer Spätbarock sei viel zu verspielt, viel zu leicht, er sei die Mainzer Spielart dieses Baustils. Gerade der Reichsfreiherr von Ritter zu Groenesteyn war es, der den alten, auch in Mainz verbreiteten, schweren Barock durch den neuen heiteren französischen Rokokostil ersetzt hatte.

Mainzer Spezialisten

Insofern ist es nur schlüssig, Groenesteyn die Planung zuzuschreiben. Dies teilt auch das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg (Dr. Judith Breuer: "Zusammenstellung zum Schloß Bönnigheim", 1995). Er selbst kam nie nach Bönnigheim, weil er in Mainz unabkömmlich war. Deshalb überließ er die Bauleitung vor Ort denn auch Anton Haaf. Zu Groenesteyn hatte jedoch versprochen, fähige Handwerker aus Mainz nach Bönnigheim zu beordern. Dass diese Spezialisten zugezogen wurden, belegt u.a. das Zeichen eines Mainzer Steinmetz am Bönnigheimer Schloss. Ganz deutlich wird dies aber beim Stuck, insbesondere im Treppenhaus und der Belle Etage: Sie besitzt künstlerisch hochrangige Rokoko- Dekorationen "in einer Art, die sich von Wien bis Potsdam und von Paris bis St. Petersburg sehen lassen kann" (Jörg Mann). Diese Stuckarbeiten sind von Mainzer Stuckateuren, Schülern von Johann Peter Jäger geschaffen worden, im Festsaal vielleicht sogar vom Meister selbst. Die Stuckarbeiten im Erdgeschoss sind hingegen einfach gehalten; sie könnten von einheimischen Handwerkern ausgeführt worden sein. 1756 ist das Bauwerk fertig. Anton Haaf wurde übrigens ein Jahrzehnt später beauftragt, das Bönnigheimer Rathaus und die Apotheke am Marktplatz zu bauen, denen dann auch seine eigenen Pläne und künstlerische Entwürfe zugrunde lagen.

Der "bucklige" Graf und sein Halbbruder

1761 quittierte der Bauherr des Bönnigheimer Schlosses seinen Dienst am Mainzer Hof und zog ins Schloss Warthausen. Wegen eines Prozesses mit der Reichsstadt Biberach verlegte er den ständigen Aufenthalt der Familie von Stadion für zwei Jahre nach Bönnigheim. Auf Dauer jedoch, war es der gräflichen Familie mitsamt Hofrat La Roche am Rande des Zabergäus doch zu eintönig: 1766 ging's zurück ins Oberschwäbische, wo Friedrich seine letzten Jahre verbrachte. Während sein ältester Sohn traditionsgemäß Geistlicher (Domherr zu Würzburg, Bamberg und Mainz) wurde, übernahm der jüngere, Franz Conrad, nach Friedrichs Tod im Jahr 1768 die Herrschaft von Warthausen und Bönnigheim. Hofrat Georg Michael Frank La Roche, der nicht nur Vertrauter und Sekretär Friedrichs war, sondern dessen Pflegesohn (und vermutlich auch sein uneheliches Kind), fühlte sich am Hof des Halbbruders in Warthausen nicht besonders wohl. Der Vater hatte ihn, der als schlank und hochgewachsen beschrieben wird, dem intelligenten, aber kleinen und buckligen Franz Conrad vorgezogen; entsprechend gespannt war das Verhältnis der beiden zueinander. So ist es gut nachvollziehbar, dass Franz Conrad dem Wunsch La Roches gerne entsprach, umziehen zu dürfen. So ging er 1769 mit Frau Sophie und den fünf Kindern nach Bönnigheim. In dieser Zeit, die gegenüber den gesellschaftlich interessanten, abwechslungsreichen Jahren in Mainz und Warthausen, mehr als langweilig gewesen sein muss, schrieb Sophie La Roche den ersten deutschen Frauenroman: "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim".

Sophie La Roche

Trotz unermüdlichen weiteren Schreibens - neben Romanen, insbesondere erzieherische Schriften - blieb das "Fräulein Sternheim" Sophie La Roches populärstes Werk. Die La Roche hatte mit Figur und Darstellung genau den Zeitgeist, d.h. mit einem neuen und anfangs eindrucksvollen Stil den Publikumsgeschmack getroffen. Rund 15 Jahre lang war sie das, was man heute eine gefeierte Star-Autorin nennen würde. Sie blieb ihrer einmal eingeschlagenen Richtung treu, entwickelte sich literarisch nicht weiter. Stattdessen pflegte sie ihre empfindsame Sprache, eine gefühlsbetonte (und heute als überladen empfundene) Ausdrucksweise, während sich andere zeitgenössische Schriftsteller - allen voran Goethe und Schiller - in eine andere Richtung bewegten: Zum Gefühl gesellte sich im Formalismus der Klassik wieder der Verstand. So ist es nicht verwunderlich, dass Sophie La Roches Lebenswerk nach der Erfolgszeit zunächst bespöttelt, später fast vergessen wurde. Joseph von Eichendorff schrieb boshaft "über die geistige Ahnfrau jener süßlichen Frauengeschichten" insbesondere im Blick auf Sophies Enkel, Clemens Brentano und Bettina von Arnim, geborene Brentano: "... die leibliche Großmutter eines völlig anderen, genialen Geschlechts ..... nimmt sich dabei wie eine Henne aus, die unverhofft Schwäne ausgebrütet hat ...." (vgl. Helga Klemme "Sophie La Roche und ihre literarische Bedeutung" in: Ganerbenblätter 1984/85). Neben der literarischen Bedeutung der Sophie La Roche - die trotz Eichendorffs Spott nicht wegdiskutiert werden kann - bleibt auch noch etwas anderes: Von Stadions Schwiegertochter hat sich weit über das hinausgewagt, was ihr als Frau in dieser Zeit von der (Männer-)Gesellschaft zugestanden wurde. Insofern verkörpert sie in ihrem Werk und insbesondere in ihrem persönlichen Wirken eine Vorkämpferin für ein verändertes Verständnis der Frauenrolle. Ob die Bönnigheimer Bevölkerung die Rolle der Sophie erkannte oder gar die Bedeutung des Romans zu würdigen wusste, ist zwar nicht überliefert, darf jedoch bezweifelt werden. Ob die Bönnigheimer ihre Herrschaft ganz gut leiden mochten, weil ihnen der Schlossverwalter in Sachen Weinbau und Felderbestellung doch einiges beigebracht haben soll, wie es die Legende sieht, die Wilhelm Flaig in seinem Stück "Bönnigheim und die Familie La Roche" aufbereitete, ist ebenso ungewiss. Nach dem Auszug der La Roches im Jahr 1770 - Georg La Roche wurde "Geheimer Rat" beim Kurfürsten in Trier - stand das Stadion'sche Schloss fünfzehn Jahre lang leer.

Karl Eugen und andere Württemberger

1785 lief die Verpfändung Bönnigheims an die Grafen von Stadion aus; Franz Conrad gab die Bönnigheimer Besitzungen dem Kurfürsten von Mainz zurück. Der Kaufinteressent stand schon bereit: Der Eigentümer der umliegenden Besitztümer, Herzog Karl Eugen von Württemberg, kaufte nun auch Bönnigheim, Erligheim und einen Teil Cleebronns mitsamt dem Michaelsberg. Dieser ließ die Gemälde aus dem seit 1770 leerstehenden Schloss Bönnigheim nach Schloss Solitude schaffen, später nach Schloss Hohenheim, wohin auch ein großer Teil des Mobiliars gebracht wurde. Zwischenzeitlich machte ein Nebengebäude, der Kavaliersbau Karriere: Er wurde zum Sitz des neuen Oberamts Bönnigheim. Erst ab 1792 diente das bis dahin leerstehende Hauptgebäude des Schlosses Mitgliedern von Haus Württemberg als Residenz. Prinz Ludwig Eugen übersiedelte mit Familie nach Bönnigheim, aber der höfische Glanz währte nicht lange: Ludwig Eugen wurde Nachfolger seines Bruders als Herzog und zog nach Stuttgart. Das Schloss war während seiner kurzen Zeit in Bönnigheim vergrößert worden. Es hatte sowohl östlich als auch auf der westlichen Seite die Pavillonanbauten erhalten. Im Erdgeschoss des Westpavillons brachte Ludwig Eugen die Schlosskapelle unter; die vorher im Kavaliersbau angesiedelte Küche wurde ins Haupthaus verlegt.

Wechselnde Verwendung

Nach Ludwig Eugens Auszug stand das Schloss bis 1801 leer. Dann lebte zwanzig Jahre lang Prinzessin Albertine von Württemberg hier. Ihr Anliegen war es Armen und Hungrigen zu helfen; die Bönnigheimer waren ihr durchaus ans Herz gewachsen (vgl. Dieter Gerlinger "Brief einer Hofdame der Prinzessin Albertine von Württemberg" in: Ganerbenblätter1990). Nachdem das Schloss anschließend nochmals sieben Jahre unbewohnt war, diente es ab 1828 bis zum Ende der achtziger Jahre des vorvorigen Jahrhunderts als Königlich-Württembergisches Oberforstamt für den Stromberg und das Zabergäu. Der erste königliche Oberforstmeister war neun Jahre lang ein Freiherr von Sternenfels. Von seinem Nachfolger, dem Grafen Clemens von Beroldingen, ist überliefert, daß er seine Wohnräume in der Belle Etage prächtig neu möblieren ließ. Seine Tochter Elisabeth heiratete übrigens den Freiherrn Franz Ludwig von Schütz-Pflummern, seines Zeichens der Schlossherr von Hohenstein: Zum ersten Mal entstand zwischen den beiden Schlössern Bönnigheim und Hohenstein eine enge Verbindung. Seit 1889 war die Königlich-Württembergische Taubstummenanstalt im Schloss und den Nebengebäuden untergebracht. Sie wird nach dem ersten Weltkrieg zur Staatliche Gehörlosenschule. Im Jahr 1959 wurde auf Veranlassung des Amts für Denkmalpflege in Stuttgart das Treppenhaus und der Saal im Obergeschoss renoviert. Der Restaurator Josef Steiner setzte sich vor allem zum Ziel, den Stuck in seiner ganzen Frische und Lebendigkeit wieder herauszuheben.


Neues Leben

Die Gehörlosenschule bestand dort bis zu ihrer Verlegung in einen Neubau nach Heilbronn im Jahr 1966. Im Jahr darauf kaufte Professor Dr. Walter Leibbrecht das Schloss mitsamt Kavaliersgebäude und Garten: Nun durften amerikanische Studenten nach der Highschool in den USA ihr College absolvieren; das "Schiller-College" war entstanden. 1973 wurde der Ausbildungsbetrieb eingestellt und der Sitz des Colleges nach Straßburg verlegt. Das Schloss wurde an das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) verpachtet. Das CJD betrieb zwanzig Jahre lang eine Ausbildungsstätte, in der noch nicht berufsreifen Schülern theoretisches und praktisches Rüstzeug vermittelt wurde. Im Laufe dieser, wie auch der vorhergehenden Nutzungen, wurden auch immer wieder Umbauten und Veränderungen am Schloss vorgenommen - außen wie innen. Diese waren nicht nur der Bausubstanz abträglich, sondern schadeten dem Gebäude als Gesamtkunstwerk teilweise erheblich. Aus wirtschaftlich-organisatorischen Gründen gab das CJD 1993 seinen Betrieb in Bönnigheim auf. Der Bönnigheimer Gemeinderat entschied, "sein" Bönnigheimer Schloss zu kaufen; am 14. Juli 1994 vollzog Bürgermeister Gerd Kreiser den Beschluss mit seiner Unterschrift unter den Kaufvertrag: Die Bönnigheimer hatten ihr Schloss im Eigentum! Nach kurzer und heftiger Diskussion, machte man Nägel mit Köpfen: Die grundlegende Sanierung des neuen Stolzes und Schmuckstücks inmitten der historischen Altstadt wurde durchgeführt, ein Mietvertrag über die künftige Nutzung abgeschlossen: Seit dem 20. September 1996 beherbergt das Stadion'sche Schloss in Bönnigheim - als Museum für Internationale Naive Kunst und Art Brut - die Werke der Sammlung Charlotte Zander. Im ehemaligen Waschhaus und früheren Forstgefängnis ist das Museum Sophie La Roche und die Bönnigheimer Vinothek untergebracht.

 

Klaus Walz

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