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Touristik, Museen (Bönnigheim)

Vinothek Weinkolleg mit Lothar Neumann

Erfasst von: Tiedke, Hannelore (12.05.2019)

Das, was getrunken wird, muss angebaut werden

 

Das Juni-Weinkolleg für die Vinothekare der Vinothek Bönnigheim fand dieses Mal in den Weinbergen statt. Der Treffpunkt bei der Schutzhüte Steingrübe war von der Vorsitzenden Regine Jung klug gewählt, da dicke Regenwolken sich mit der Sonne immer wieder ablösten und die gespannt lauschenden Zuhörer immer wieder einmal mit ein paar Tropfen von oben benetzten. Referent zu den Überlegungen der Winzer, welchen Wein sie wo und wann neu anpflanzen wollen war Lothar Neumann. Neumann, ein gelernter Winzer und dem an der Hochschule Geisenheim abgelegten Examen in Önologie ist in der Erwachsenenbildung als Dozent tätig für die Weinerlebnisführer aber auch Berater für Landwirte und Weinbauern vor Ort. Beschäftigt ist er beim Landratsamt Heilbronn im Landwirtschaftsamt.

 

Seinen Vortrag für die  Vinothekare eröffnete er mit der Frage, welche Entscheidungskriterien ein Wengerter haben muss, wenn er einen Weinberg neu erwerben oder pachten möchte. Außer dem Bodenpreis- der laut Neumann in den letzten Jahren moderater geworden sei und der Bodenbeschaffenheit, sowie der Ausrichtung auf eine mögliche Süd-Westlage, sei die Steilheit des Weinbergs und damit die Bearbeitungsintensität ein Hauptkriterium. Wenn ein Weinbauer davon leben müsse, benötige er heute ca. 15 bis 20 Hektar, so Neumann.

 

Im weiteren Verlauf der Fortbildung für die Freunde der Vinothek ging Neumann auf die Sortenwahl, die Veredelungsmöglichkeiten und die vorbereitende Bodenbearbeitung einer Neuanlage ein.

Es sei eigentlich ganz einfach: „Das, was der Verbraucher trinken möchte, muss angebaut werden“, so Neumanns scheinbar simple Philosophie. Jedoch wisse heute niemand, was den Weinkonsumenten in zehn oder 20 Jahren schmecken wird, schränkte er seine erste These gewaltig ein. Immerhin können gesunde Reben 50 oder mehr Jahre gute Erträge bringen und niemand wisse heute, welche Tendenzen im Konsumverhalten dann vorherrschten. An dieser Stelle bemängelte Neumann auch den von ihm so genannten „Discountismus“, der nicht nur für Geräte und Sportausstattungen, die nicht mehr in den kleinen Fachgeschäften erworben würden, sondern auch für die Sonderangebote für Wein beim Discounter gelte. Auch dies gehöre zu den Risiken, die unsere Winzer alle eingehen müssten, klärte der Referent auf.

 

Eine besondere Form der Neuanlage konnte Neumann den Vinothekaren direkt im Wengert zeigen. Hier ist eine ältere Muskatelleranlage radikal erneuert worden, indem eine andere Weinsorte auf die alten, abgesägten Weinstöcke gepfropft wurden. Diese Form der „Standortveredelung“ sei auch möglich, um auf einem Weißwein-Wengert nun Rotwein anzubauen. Besonders gut gelinge diese Form der Neuanlage  in warmen Jahren, wie beispielsweise 2018 eines war.

 

Standortveredelung

 

Zu beachten sei wegen der Frostgefahr, dass spät reifende Sorten wie z.B. Trollinger oder Cabernet Sauvignon nie in Tallagen gepflanzt werden dürfen. Durch die gemeinsame Verkostung des Bioweines „Cabernet Blanc“- eine Piwi-(pilzwiderstandsfähige)Sorte von der WG Stromberg-Zabergäu angeregt, ging Neumann im Folgenden auf die Bodenbeschaffenheit und die vorbereitende Bearbeitung bei einer Neubepflanzung ein. Ein besonderes Problem seien Viren, die sich lange Jahre im Boden halten und von Nematoden in die Neupflanzen übertragen werden können. Da helfe oft nur eine dreijährige Brache und ein drei Spaten tiefes so genanntes „Rigolen“ bei tiefen Bodenverdichtungen. Diese sehr mühsame Umgrabe-Technik sollte dann von einer Gründung-Bepflanzung, z. B. Lupinen unterstützt werden, um zu verhindern, dass der Stickstoff während der Brache ausgewaschen wird.

 

In der Schutzhütte, ganz rechts: Lothar Neumann

 

In einem letzten Gedankengang zeigte Neumann seinen Zuhörerinnen und Zuhörern die Möglichkeiten der Crispr-Cas9-Methode auf, bei der im Pflanzen-Gen durch Herausschneiden von pilzanfälligen Bestandteilen und das Einsetzen von pilzresistenten Genteilen, neue Rebpflanzen entstehen könnten. Neumann dachte dabei z. B. an einen Piwi-Riesling. Dies könnte dazu führen, dass viel weniger Pflanzenschutzmittel im Weinbau eingesetzt werden müssten. Eine gezielte Erbgutveränderung werde jedoch weltweit sehr kontrovers diskutiert und der Europäische Gerichtshof hat 2018 das weitere Anbauen gentechnisch veränderter  (GV) Pflanzen in Deutschland verboten. Dadurch sei natürlich auch das Weiterforschen an dieser Genschere bei uns deutlich eingeschränkt und die Möglichkeit des Reduzierens der Pflanzenschutzmittel im Vergleich zu anderen Nationen wie beispielsweise den USA nicht  möglich.

 

Da allerdings auch die Freunde der Vinothek diese „Büchse der Pandora“ nicht weiter öffnen wollten und vom Michaelsberg dicke grauschwarze Wolken ein Unwetter ankündigten, verabschiedeten sich die Vinothekare nach gut zwei Stunden hochqualifizierter Information mit großem Applaus und einer guten Flasche Rotwein von Lothar Neumann.

 

 

Text und Fotos: Hannelore Tiedke